Blut, Krebs und Infektionen


Erkrankungen des Immunsystems

Allergien

Allergie: Sich oft schon in der Kindheit entwickelnde Überempfindlichkeit gegenüber bestimmten, an sich ungefährlichen Substanzen in der Umwelt oder der Nahrung. Eine Allergie verursacht durch überschießende entzündliche Abwehrreaktionen von Haut und/oder Schleimhäuten vielfältige Beschwerden. In den letzten Jahrzehnten haben Allergien in Deutschland und anderen Industriestaaten erheblich an Häufigkeit zugenommen – betroffen sind mindestens 30 %, manche Statistiken sprechen sogar von 50 % der Gesamtbevölkerung. Allergien sind meist nicht heilbar, aber mit konsequenter Behandlung gut zu managen. Oft kommt es vor, dass sich Allergien im Laufe der Zeit wieder zurückbilden, insbesondere wenn die Allergie schon in der Kindheit auftritt.

Leitbeschwerden

  • Juckende Hautauschläge bei Hautallergien
  • Verstopfte Nase, Schnupfen, Niesen bei allergischem Schnupfen
  • Husten- und Atemnotanfälle bei allergischem Asthma
  • Juckende Quaddeln am ganzen Körper
  • bei Nesselsucht Schwellungen, v. a. an Gesicht, Lippen und Schleimhäuten
  • Augenjucken, Augentränen bei allergischer Augenbindehautentzündung
  • Bauchschmerzen, Blähungen, Übelkeit, Durchfälle bei Beteiligung der Magen-Darm-Schleimhäute
  • Plötzliche, sich schnell steigernde Unruhe, Hautrötung, Hautjucken, Übelkeit, Herz-Kreislauf-Beschwerden und Atemnot bei allergischem Schock.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Tagen, wenn Beschwerden auftreten, die zu einer Allergie passen, diese aber nur mäßig ausgeprägt sind.

Heute noch, wenn

  • starke Beschwerden auftreten, z. B. Schwellungen oder heftiger, kaum auszuhaltender Juckreiz
  • erstmals ein Atemnotanfall auftritt, auch wenn er sich von selbst wieder gebessert hat – hier sollte eine Ärzt*in die Ursache klären und damit das Wiederholungsrisiko und die Gefährdung einschätzen.

Sofort den Notruf wählen, wenn schwere Atemnot, Kreislaufbeschwerden oder ein Kollaps auftritt (Warnzeichen des lebensbedrohlichen allergischen Schocks).

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Allergien entstehen durch ein Zusammenspiel mehrerer innerer und äußerer Faktoren, d. h. sie sind multifaktoriell bedingt:

  • Zweifellos spielt die erbliche Veranlagung eine Rolle – Kinder allergischer Eltern haben ein deutlich erhöhtes Allergierisiko im Vergleich zur Normalbevölkerung. Ungefähr 10–20 % aller Menschen haben die Veranlagung zur allergischen Sofortreaktion, einer von mehreren allergischen Reaktionsformen. Diese Menschen, auch Atopiker genannt, haben ein besonders hohes Risiko für die vier atopischen Erkrankungen Neurodermitis, allergischer Schnupfen, allergisches Asthma und allergische Augenbindehautentzündung.
  • Die erbliche Veranlagung erklärt, warum Allergien in einigen Familien häufiger auftreten als in anderen. Sie begründet jedoch nicht, warum in den 1980er Jahren Allergien in der DDR deutlich seltener waren als im damaligen Westdeutschland – für eine wesentliche Änderung der Erbanlagen war die Zeit der Trennung Deutschlands viel zu kurz. Zur erblichen Veranlagung müssen also noch andere Faktoren hinzukommen.
  • Nach der Umwelthypothese der 1980er Jahre handelte es sich bei diesen zusätzlichen Faktoren in erster Linie um Umweltschadstoffe. Zum Teil ist dies sicherlich richtig: Rauchen, insbesondere Passivrauchen, erhöht sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen das Risiko einer Allergie. Auch für Ozon und Schwefeldioxid konnte ein Zusammenhang festgestellt werden, für viele andere Schadstoffe oder z. B. die Innenraumbelastung mit Allergenen aber nicht. Hausstaub, Milbe & Co. sind definitiv nicht die Ursachen steigender Allergien! Und da in der DDR die Luft noch schmutziger war als in Westdeutschland, blieb auch die Umwelthypothese manche Erklärung schuldig. Hier kam in den 1990er Jahren die Schmuddel- oder Hygienehypothese ins Spiel: Untersuchungen hatten gezeigt, dass Kinder, die von klein auf in einer sauberen, eher keimarmen Umgebung leben, häufiger an Allergien erkranken als Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, ältere Geschwister haben oder früh in eine Kinderkrippe gehen. Forschende gehen heute davon aus, dass das kindliche Immunsystem bei seiner Entwicklung den vielfachen frühen Kontakt mit Viren und Bakterien bzw. bestimmten Bestandteilen dieser Keime (den Endotoxinen ihrer äußeren Zellhülle) braucht, um später nicht wahllos und überschießend zu reagieren. Auch eine gesunde bakterielle Besiedelung von Magen und Darm scheint vorbeugend zu wirken. Oder umgekehrt: der häufige Einsatz von Antibiotika ist nachteilig und fördert spätere Allergien. Das gilt auch für einen Kaiserschnitt, bei dem das Kind nicht die bakteriell besiedelte Scheide passiert. Dafür, dass Kinder vom Bauernhof seltener Allergien haben, gibt es mittlerweile eine Erklärung. Im Stallstaub wurde ein bestimmtes Zuckermolekül entdeckt, das so genannte Arabinogalaktan. In Anwesenheit dieses Zuckers entsteht ein bestimmter Botenstoff, der die Immunreaktion dämpft und so den Organismus unempfindlich macht gegenüber allergieauslösenden Stoffen. Auf die Abwehr von Krankheitserregern hat diese Dämpfung keinen Einfluss – sie funktioniert weiterhin normal.

Was bei einer Allergie passiert. Die Substanz, die die Allergie auslöst, Allergen genannt, führt zur Bildung von spezifischen Abwehrstoffen (sog. Antikörpern) oder Abwehrzellen. Dieser Prozess wird als Sensibilisierung bezeichnet. Er unterscheidet sich von normalen Abwehrvorgängen nur dadurch, dass gegen das an sich ungefährliche Antigen gar keine Abwehrreaktion nötig wäre.

Bei einem erneuten Kontakt trifft das Allergen dann auf die lauernden Antikörper oder Abwehrzellen, und es werden entzündungsfördernde und gewebeschädigende Botenstoffe freigesetzt. Meist (so z. B. beim allergischen Schnupfen) bleibt die Reaktion auf das Gewebe der Antigen-Antikörper-Reaktion beschränkt – die Beschwerden sind dann Folge dieser Gewebeschädigung. Manchmal ist jedoch der ganze Körper in Mitleidenschaft gezogen, etwa bei der lebensbedrohlichen Schwerstform der Allergie, dem allergischen oder anaphylaktischen Schock.

Einteilung

Allergien werden unter anderem danach unterschieden, auf welche Weise die Allergene an oder in den Körper gelangen: Kontaktallergene wie Nickel haben Berührungskontakt zu Haut oder Schleimhaut, Inhalationsallergene wie etwa Pollen werden eingeatmet, Ingestions- oder Nahrungsmittelallergene wie Ei werden gegessen, Injektionsallergene werden z. B. bei einem Insektenstich in den Körper gespritzt.

Eine andere Einteilung bezeichnet nicht die Art der Allergenaufnahme, sondern das Allergen: Die Pollenallergie ist gegen Pollen, die Medikamentenallergie gegen Arzneimittel gerichtet, egal wie sie in den Körper kommen.

Manche Menschen mit Allergie trifft es besonders hart: Sie entwickeln eine Kreuzallergie, bei der die gegen ein bestimmtes Allergen gebildeten Antikörper aufgrund äußerlicher Ähnlichkeiten auch auf ganz andere Substanzen "passen". Besonders häufig sind die pollenassoziierten Nahrungsmittelallergien: So kann beispielsweise eine Person mit einer Birkenpollenallergie auch auf Äpfel oder Birnen reagieren – aber auch auf eine Litschi, obwohl er noch nie zuvor eine gegessen hat.

Allergische Reaktionsformen. Weiter unterteilt man Allergien nach der Art, wie der Körper auf das Allergen reagiert. Die häufigste allergische Reaktionsform ist die allergische Sofortreaktion (Typ-I-Reaktion, allergische Reaktion vom Soforttyp). Im Rahmen der Sensibilisierung werden bestimmte Antikörper gebildet, die Immunglobuline E (IgE). Bei erneutem Kontakt mit dem Allergen veranlassen sie die Mastzellen (eine Gruppe der Abwehrzellen), Histamin freizusetzen. Dieser Botenstoff ruft innerhalb kürzester Zeit eine ausgeprägte Schleimhautschwellung und -entzündung hervor. Zu den allergischen Sofortreaktionen zählen der allergische Schnupfen, z. B. Heuschnupfen, Asthma, Bienengiftallergie, Nesselsucht und der allergische Schock.

Ebenfalls häufig sind die Allergien vom verzögerten Typ (Typ-IV-Reaktion), die durch T-Lymphozyten vermittelt werden. Bei ihnen dauert es 1–3 Tage, bis die Entzündungsreaktion einsetzt. Wichtige Vertreter sind die Kontaktallergien der Haut, etwa die Nickelallergie.

Seltener sind die beiden übrigen allergischen Reaktionsformen: Bei der Typ-II-Reaktion binden Antikörper an Antigene auf Zellen (z. B. Blutzellen), wodurch die Zelle letztlich abstirbt. Bei der Typ-III-Reaktion verbinden sich Antigen und Antikörper, dieser Immunkomplex führt dann zu den Gewebeschäden, z. B. bei bestimmten Nierenerkrankungen (Glomerulonephritiden).

Das macht der Arzt

Diagnosesicherung

Manchmal ist die Sache klar: Tritt z. B. immer und nur nach dem Verzehr von Erdbeeren eine Allergie auf, so ist eine Erdbeerallergie höchstwahrscheinlich. Oft sind die Zusammenhänge aber nicht so offensichtlich. Dann kann einBeschwerdetagebuch helfen, Zusammenhänge aufzudecken.

Außerdem stehen verschiedene Allergietests zur Verfügung. Am häufigsten angewendet werden Hauttests, z. B. der Pricktest. Dabei wird das mutmaßliche Allergen auf oder in die Haut gebracht und dann die Reaktion beobachtet. Bei Provokationstests wird das Allergen der (beschwerdefreien) Patient*in verabreicht – das Auftreten von Beschwerden spricht für eine Allergie. Allerdings sind Provokationstests nicht ungefährlich: Im schlimmsten Fall können sie einen allergischen Schock auslösen. Deshalb werden sie nur unter ärztlicher Überwachung, nicht selten sogar im Krankenhaus durchgeführt. Umgekehrt funktioniert die Eliminations- oder Suchdiät bei Verdacht auf Nahrungsmittelallergie: Hier wird zunächst eine "Minimalkost" gegeben, bis alle Beschwerden verschwunden sind. Dann fügt man schrittweise einzelne Nahrungsmittel hinzu, bis Beschwerden auftreten und so der Übeltäter entlarvt ist.

Bluttests sind teuer und bringen meist nicht viel. Weder schließen normale Werte eine Allergie aus, noch sind erhöhte Werte ein Beweis für eine Allergie. Ein Bluttest kann aber dabei helfen, die Nahrungsmittel für die Eliminationsdiät auszuwählen.

Differenzialdiagnosen

Ein positiver Allergietest allein ist noch keine Allergie. Zum Beispiel zeigen albanische Kinder genauso oft positive Allergietests wie deutsche, aber weit weniger Allergien. Erst die Entzündung und Gewebeschädigung sowie die passenden Beschwerden machen einen positiven Allergietest bedeutend.

Manche Substanzen können die an der Allergie beteiligten Botenstoffe direkt ohne Zwischenschaltung einer Antigen-Antikörper-Reaktion freisetzen und somit zu den gleichen Symptomen wie bei einer Allergie führen. Ein Beispiel für eine solche Pseudoallergie sind die Beschwerden, die manche Menschen nach dem Genuss von Rotwein oder Käse haben. Sie sind auf die Ausschüttung des Botenstoffs Histamin zurückzuführen.

Auch Unverträglichkeitsreaktionen (meist von Nahrungsmitteln oder Medikamenten), die auf einem beeinträchtigten Abbau dieser Substanzen beruhen, sind keine Allergie. Ein Beispiel ist hier die Laktose-Intoleranz.

Behandlung

Allergenkarenz. Erster und wichtigster Schritt ist das Meiden des Allergens, die Allergenkarenz. Dies kann ganz einfach sein, etwa bei einer Nahrungsmittelallergie, aber auch fast unmöglich, etwa bei einer Hausstaubmilbenallergie.

Medikamentöse Therapie. Wenn eine Allergenkarenz nicht möglich ist, werden Medikamente gegeben:

  • Am häufigsten verordnet die Ärzt*in Antihistaminika. (Pharma-Info: Antihistaminika).
  • Insbesondere bei häufigem Allergenkontakt sinnvoll sind Mastzellstabilisatoren. Sie verhindern, dass der Botenstoff Histamin ausgeschüttet wird und hemmen darüber hinaus Entzündungsreaktionen. Allerdings wirken Mastzellstabilisatoren nur, wenn sie vorbeugend und regelmäßig eingenommen werden.
  • Kortison wird wegen seiner Nebenwirkungen möglichst selten gegeben. Zwei Ausnahmen bestätigen allerdings die Regel: Bei allergischem Asthma ist Kortison zum Inhalieren erste Wahl, auch bei einem allergischen Schock muss rasch Kortison gegeben werden, es ist hier oft lebensrettend.

Hyposensibilisierung. Aussichtsreich, insbesondere bei jungen Menschen mit einer Pollen- oder Insektengiftallergie, ist eine spezifische Immuntherapie (SIT). Sie ist auch bekannt unter dem Namen Hyposensibilisierung. Die Zufuhr kleinster Allergenmengen soll dabei zur Bildung von IgG führen. Die IgGs sollen dann bei richtigem Allergenkontakt das Allergen abfangen, bevor es zu Beschwerden kommt. In der Regel wird das Allergen wiederholt unter die Haut gespritzt, wobei die Behandlungsdauer zwischen wenigen Monaten und mehreren Jahren liegt. Da die Allergenzufuhr teils gefährliche Allergiebeschwerden provozieren kann, wird die Behandlung immer in der Arztpraxis, manchmal sogar im Krankenhaus durchgeführt. Erst 30 Minuten nach der Spritze kann die Patient*in wieder nach Hause gehen.

Bei Kindern unter fünf Jahren ist die Indikation zur SIT abzuwägen: Spontanheilungen oder Besserungen sind häufig, da sich das kindliche Immunsystem noch im Reifungsprozess befindet. Beschränken sich die Reaktionen auf die Haut, ist eine Hyposensibilisierung nicht vordringlich. Aber auch bei Atembeschwerden ist der Krankheitsverlauf zunächst über zwei Jahre zu beobachten.

Einfacher und angenehmer als die Spritzen zur Hyposensibilisierung ist die sublinguale spezifische Immuntherapie (SLIT). Dabei wird eine Allergenlösung unter die Zunge gegeben. Diese relativ neue Therapie ist nicht nur bequemer für den Patienten, sie hat sich auch als sicher und effektiv erwiesen.

Prognose

Allergien sind nicht heilbar. Oft kommt es aber im Laufe der Jahre zu einer Besserung. Das ist vor allem bei Kindern der Fall. Allergien, die schon im Säuglings- und Kleinkindalter auftreten, bilden sich oft im Schulkindalter zurück.

Auch im fortgeschrittenen Alter kommt es meist zu einer Besserung allergischer Beschwerden, weil das Immunsystem im Zuge des Alterungsprozesses wieder weniger empfindlich wird.

Typisch für Menschen mit einer Allergie ist der sogenannte Etagenwechsel. Das bedeutet, dass die Allergie auf andere Organsysteme übergehen kann. So kann sich aus einer Neurodermitis oder einem Heuschnupfen im Laufe der Zeit allergisches Asthma entwickeln.

Auch kommt es vor, dass Betroffene im Laufe der Jahre immer neue Allergien entwickeln, also beispielsweise auf immer mehr Nahrungsmittel allergisch reagieren oder bei Pollenallergien zusätzlich eine Konservierungsstoff-Allergie ausbilden.

Ihre Apotheke empfiehlt

Allergiepass. Besonders wichtig ist ein Allergiepass für Menschen mit besonders schweren Allergien, z. B. auf Medikamente, Insektengift oder Erdnüsse. Ein Allergiepass kann lebensrettend sein, daher sollten Sie ihn immer bei sich tragen. Bei einem allergischen Schock können Rettungskräfte mithilfe des Allergiepasses den Gesundheitszustand besser und schneller einschätzen. Bei einer Medikamentenallergie dient der Allergiepass Ärzt*innen, Zahnärzt*innen und Rettungskräften als Orientierung, welche Medikamente sie nicht einsetzen dürfen. Und bei Menschen, die viele Allergien haben, sorgt er dafür, den Überblick zu behalten.

Notfallkit. Ein Allergie-Notfallset dient als Erste-Hilfe-Ausrüstung für alle Menschen, die an einer schweren Allergie leiden und bei denen deshalb die Gefahr eines allergischen Schocks besteht. Hierzu zählen v. a. eine Insektengiftallergie und bestimmte Nahrungsmittelallergien, z. B. gegen Erdnüsse oder Meeresfrüchte. Es muss immer bei sich getragen werden, weil ein allergischer Schock schon Sekunden bis wenige Minuten nach dem Allergiekontakt auftreten kann. Das Notfallkit kann daher lebensrettend sein. Es einhält ein Antihistaminikum, ein Glukokortikoid und eine Adrenalin-Fertigspritze. Bei bestimmten Allergien gehört zusätzlich ein Inhalationspräparat dazu. Lassen Sie sich von Ihrer Ärzt*in und Apotheker*in umfassend zur Zusammensetzung und Handhabung beraten. Auch die engsten Angehörigen sollten über das Allergierisiko, die Anzeichen eines allergischen Schocks und die Handhabung des Notfallsets informiert sein, weil man im Ernstfall manchmal nicht mehr selbst handeln kann.

Maßnahmen gegen Hausstaubmilben. Große Bedeutung hat die Wohnungshygiene bei der Hausstaubmilbenallergie:

  • Wichtigstes Milbenreservoir ist das Bett. Bevorzugen Sie Schaumstoff- oder Latexmatratzen mit speziellen allergendichten Überzügen, waschbare Kopfkissen und Bettdecken, ebenfalls mit speziellen Bezügen zum Einschließen (Encasing) der Milben. Unerlässlich ist, dass Sie das Bettzeug morgens so weit wie möglich zurückschlagen, damit die Matratze über Tag austrocknen kann.
  • Schaffen Sie möglichst wenige Staub-Lagerplätze in der Wohnung (z. B. durch den Verzicht auf Gardinen oder große Pflanzen mit vielen kleinen Blättern).
  • Sorgen Sie für niedrige Luftfeuchtigkeit in der Wohnung (unter 50 %, am besten ca. 40 %), z. B. durch regelmäßiges Stoßlüften mehrfach täglich.
  • Nutzen Sie einen Staubsauger mit Mikrofilter.
  • Waschen Sie Sofa-Kissen und Stofftiere einmal monatlich in der Waschmaschine (möglichst bei 60 °C).
  • Spezielle Anti-Milben-Sprays für die Umgebung und nicht waschbare Textilien wie Polstermöbel und Teppiche können die Allergenbelastung in der Wohnung reduzieren.

Vorsorge

Eine zuverlässige Vorsorge vor Allergien ist nicht möglich, allenfalls eine Risikoverminderung, und selbst hierfür schließt sich das Zeitfenster schon um den 1. Geburtstag. Während Forschende früher auf eine allergenarme Umgebung setzten, wird derzeit der frühe Kontakt mit (ungefährlichen) Keimen für vorteilhaft gehalten – also keine Angst vor Nachbarskindern, einer Katze und ein wenig Dreck.

Laut einer Studie ist möglicherweise die vorbeugende Einnahme von Milchsäurebakterien (Probiotika) sinnvoll – in den letzten 4 Wochen vor der Geburt nimmt sie die Mutter ein, danach das Baby (bis zum Alter von etwa 6 Monaten).

Weiterführende Informationen

Internetseite des Deutschen Allergie- und Asthmabunds e. V. (DAAB, Mönchengladbach): Informiert über die wichtigsten Allergien, mit Adressen regionaler Gruppen.

Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen (Autoaggressionskrankheiten): Sammelbegriff für alle Krankheiten, bei denen sich das Immunsystem gegen körpereigene Organe oder Gewebe richtet. Es können alle Organe betroffen sein. Frauen erkranken häufiger als Männer und ältere Menschen häufiger als jüngere. Autoimmunerkrankungen nehmen in den Industrieländern seit Jahren zu.

Leitbeschwerden

  • Unspezifische, allgemeine Symptome wie Müdigkeit, Schwächegefühl, Gewichtsverlust, Fieber
  • Spezifische Symptome je nach betroffenem Organ, z. B. Gelenkschmerzen, Bewegungsstörungen, Durchfall oder Juckreiz.

Wann in die Arztpraxis

In den nächsten Tagen, wenn die oben beschriebenen Beschwerden auftreten und nicht innerhalb weniger Tage wieder abklingen.

Am selben Tag, wenn plötzlich starkes Erbrechen, erhebliches Schwächegefühl, hohes Fieber, unstillbarer Durchfall, Atemschwierigkeiten, starke Schmerzen oder Sehstörungen auftreten.

Die Erkrankungen

Krankheitsentstehung

Das Immunsystem ist dafür zuständig, den Körper vor Krankheiten zu schützen. Dazu muss das Immunsystem genau erkennen, welche Zellen und Substanzen nicht zum Körper gehören oder krank sind und diesem deshalb vielleicht schaden. Ein Beispiel: Gelangen Bakterien in eine Wunde, erkennt der Körper diese als körperfremde Eindringlinge und sendet "Boten", um diese unschädlich zu machen. Dabei kann das Immunsystem sehr schnell auf Abwehrzellen zurückgreifen, die recht allgemein, aber nicht besonders effektiv unterschiedlichste Eindringlinge abwehren. Mit etwas Verzögerung kommen zusätzlich Antikörper zum Einsatz, die ganz genau auf den jeweiligen Erreger angepasst sind. Beim Gesunden sind nur solche Antikörper und Abwehrzellen "auf Patrouille", die sich gegen fremde Zellen und Substanzen sowie gegen kranke körpereigene Zellen richten. Gesunde körpereigene Zellen werden vom Immunsystem in Ruhe gelassen. Dieses Phänomen heißt Immuntoleranz.

Wie überall, so können auch bei der Immuntoleranz Fehler passieren: Der Körper bildet dann Antikörper oder Abwehrzellen gegen körpereigene Strukturen, die sogenannten Autoantikörper. Greifen diese Autoantikörper Gewebe und Organe an, spricht man von einer Autoimmunerkrankung.

Ursachen

Warum eine Autoimmunerkrankung entsteht, ist in aller Regel unklar. Manchmal hatte die Betroffene vorher eine Infektion mit einem Erreger, der der angegriffenen körpereigenen Struktur ähnelt. Auch die erbliche Veranlagung spielt eine Rolle. Dass Autoimmunerkrankungen immer öfter auftreten, erklären sich Mediziner*innen (ähnlich wie bei den Allergien) damit, dass die keimarme Umgebung das Immunsystem durch mangelndes "Training" anfälliger für Fehlprägungen macht. Zusätzlich scheinen auch Umweltbelastungen, z. B. durch Schadstoffe, und der Lebensstil an der Entstehung beteiligt zu sein. So können Rauchen, eine ungesunde Ernährung und chronische Stressbelastung Wegbereiter für eine Autoimmunerkrankung sein.

Formen

Manche Autoimmunerkrankungen betreffen nur ein einziges Organ, etwa bei Typ-1-Diabetes die Insulin produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse. Andere Erkrankungen hingegen betreffen Gewebe, die überall im Köper vorkommen, z. B. die Bindegewebe der Blutgefäße.

Zu den häufigen Autoimmunerkrankungen zählen z. B.:

  • Hormonerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, Morbus Addison, Hashimoto-Thyreoiditis und Morbus Basedow
  • Darmerkrankungen wieColitis ulcerosa, Morbus Crohn und Zöliakie
  • Rheumatische Erkrankungen, z. B. Gelenkerkrankungen wie Rheumatoide Arthritis und Spondylitis ankylosans, Gefäßentzündungen wie Vaskulitiden (z. B. Klassische Panarteriitis nodosa) und Kollagenosen (z. B. Systemischer Lupus erythematodes)
  • Hauterkrankungen wie Psoriasis und Bullöses Pemphigoid
  • Nerven- und Muskelerkrankungen wie Multiple Sklerose und Myasthenia gravis.
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    Seltenere Autoimmunerkrankungen sind z. B.:

  • Glomerulonephritis
  • Autoimmungastritis
  • Autoimmunhepatitis
  • Nichteitrige chronisch-destruierende Cholangitis
  • Purpura Schoenlein-Henoch
  • [Akutes] rheumatisches Fieber, einhergehend mit einer Gelenk- und Herzinnenhautentzündung wie z. B. einer Endokarditis.

Das macht die Ärzt*in

Diagnosesicherung

Bei einigen Autoimmunkrankheiten kann die Ärzt*in die krank machenden Autoantikörper einfach durch eine Laboruntersuchung im Blut nachweisen, z. B. beim Diabetes mellitus Typ-1. Ist dies nicht möglich, kann die Entnahme einer Gewebeprobe nötig sein, z. B. bei Zöliakie. Bei einigen Erkrankungen sind auch weitere Spezialuntersuchungen erforderlich, z. B. eine MRT und Gehirnwasseruntersuchung bei Verdacht auf Multiple Sklerose, eine Szintigrafie bei Schilddrüsenerkrankungen oder hormonelle Stimulationstests bei Verdacht auf Morbus Addison.

Differenzialdiagnosen

Die Symptome einer Autoimmunerkrankung sind oft eher unspezifisch, weisen also nicht sehr deutlich auf eine bestimmte Erkrankung hin. Deshalb kommen immer zahlreiche mögliche Erkrankungen in Betracht. Manchmal steckt hinter wiederkehrendem Durchfall und Gewichtsverlust nur eine Nahrungsmittelunverträglichkeit oder hinter Müdigkeit, Abgeschlagenheit und erhöhter Körpertemperatur nur ein nicht ganz auskurierter Infekt. Bei einer Autoimmunerkrankung ist aber eine möglichst frühe Behandlung wichtig, um Folgeschäden entgegenzuwirken. Daher ist die Abklärung auch unspezifischer Symptome immer wichtig, wenn sie nicht nach kurzer Zeit von selbst wieder verschwinden.

Behandlung

Die Behandlung hängt vom befallenen Organ oder Gewebe ab. Bei einigen Erkrankungen kann z. B. das fehlende Hormon problemlos ersetzt werden, etwa beim Diabetes Typ-1 oder bei einer Schilddrüsen- oder Nebennierenunterfunktion. Je mehr Organe betroffen sind oder je schwerer deren Funktion zu ersetzen ist, desto eher ist eine medikamentöse Unterdrückung der Abwehr durch Medikamente angezeigt. Solche Medikamente heißen Immunsuppressiva. Dies ist zum Beispiel bei Multipler Sklerose und rheumatischen Erkrankungen meistens der Fall. Je nach Erkrankung können auch Lebensstil-Änderungen die Symptome einer Autoimmunerkrankung mildern, zum Beispiel eine Ernährungsumstellung oder der Versuch, Stress zu reduzieren.

Prognose

Autoimmunerkrankungen sind nicht heilbar. Die Prognose variiert bei den einzelnen Erkrankungen und auch je nach Beginn und Effektivität der Behandlung. Menschen mit Typ-1-Diabetes können heutzutage beispielsweise meist ohne große Beeinträchtigungen ihr Alltagsleben fortsetzen. Menschen mit schweren Formen von Multipler Sklerose und Myasthenia gravis hingegen müssen mit einem schnellen Voranschreiten der Erkrankung, zunehmenden Beeinträchtigungen und einer verkürzten Lebenserwartung rechnen.

Ihre Apotheke empfiehlt

Immunbalance. Unterstützen Sie Ihr Immunsystem dabei, so weit wie möglich wieder ins Gleichgewicht zurückzufinden. Hilfreich dabei sind eine gesunde Lebensführung mit viel frischem Obst und Gemüse, ausreichend Schlaf und Bewegung sowie effektiven Methoden zur Stressbewältigung wie Progressiver Muskelentspannung oder MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction).

Nahrungsergänzungsmittel. Lassen Sie sich vor der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln und freiverkäuflichen Arzneimitteln immer von Ihrer Ärzt*in oder Apotheker*in beraten. Während einige Vitamine und Mineralstoffe eine ausgewogene Ernährung und somit das Immunsystem sinnvoll unterstützen, besteht bei anderen Präparaten möglicherweise die Gefahr, dass die Erkrankung sich verschlimmert. So dürfen z. B. Echinacea-Präparate gegen Erkältungskrankheiten nicht bei Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden, da sie das Immunsystem anregen.

Selbsthilfegruppen. Für fast jede Autoimmunerkrankung existieren regionale oder überregionale Selbsthilfegruppen, die es Betroffenen ermöglichen, sich untereinander auszutauschen sowie sozialen, psychischen und praktischen Beistand anbieten. Ihre Ärzt*in, Apotheker*in und Krankenkasse kann Ihnen helfen, eine für Sie passende Selbsthilfeorganisation zu finden.

Chronisches Erschöpfungssyndrom

Chronisches Erschöpfungssyndrom (Chronisches Fatigue-Syndrom/Myalgische Enzephalomyelitis, CFS/ME, chronisches Müdigkeitssyndrom): Chronisches Krankheitsbild unbekannter Ursache, gekennzeichnet durch lang andauernde, abnorm starke geistige und körperliche Erschöpfbarkeit (Fatigue ) bis zur Bettlägerigkeit sowie weiterer Beschwerden wie Schlaf-, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Kopf- und Muskelschmerzen, Lymphknotenschwellung sowie eine Verschlechterung des Zustands nach jeder Art von Anstrengung. Am häufigsten erkranken Frauen zwischen 29 und 35 Jahren, insgesamt sind in Deutschland mindestens 300.000 Menschen betroffen. Es gibt keine Therapie, daher werden nur die Symptome behandelt. Eine Heilung der Erkrankung ist selten.

Leitbeschwerden

  • Erheblicher Erschöpfungszustand, der länger als sechs Monate andauert und die Lebensqualität stark einschränkt
  • Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Vermindertes Kurzzeitgedächtnis, Konzentrationsschwierigkeiten (sog. brain fog)
  • Zustandsverschlechterung nach Anstrengung, keine Besserung nach Schonung oder Ruhe.

Wann in die Arztpraxis

Am selben Tag, wenn die Beschwerden plötzlich auftreten und bisher keine diagnostizierte Erkrankung vorliegt.

In den nächsten Tagen, wenn bereits ein Erschöpfungssyndrom diagnostiziert wurde und sich die bestehenden Beschwerden deutlich verschlechtern oder neue Symptome hinzukommen.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Die genauen Ursachen des chronischen Erschöpfungssyndroms sind bis heute ungeklärt. Vermutlich handelt es sich um eine Erkrankung, bei der mehrere Auslöser zusammentreffen. Betroffen sind häufig Menschen mit Immundefekten oder einer familiären Disposition, also einer vererbten erhöhten Anfälligkeit für diese Erkrankung. Als auslösende und krankheitsunterhaltende Faktoren werden vermutet:

  • eine Infektion zum Zeitpunkt hoher körperlicher Aktivität oder Stressbelastung. Dabei handelt es sich meist um eine Virusinfektion, z. B. mit dem Epstein-Barr-Virus, dem Enterovirus, dem humanen Herpes-Virus 6, dem Influenzavirus oder dem Coronavirus. Seltener ist eine Erkrankung durch Bakterien wie Lyme-Borreliose, Q-Fieber oder Legionellose
  • vorausgehende oder nachfolgende Ereignisse wie eine Schwangerschaft, eine Verletzung der Halswirbelsäule oder ein anderer Unfall, eine schwere Operation oder psychisch belastende Lebensereignisse wie ein Todesfall in der Familie oder Arbeitslosigkeit
  • krankheitsunterstützende Faktoren wie mangelnde soziale Unterstützung, körperliche oder geistige Überlastung oder reaktive Depressionen.

Als Krankheitsmechanismus wird eine Fehlsteuerung im Zusammenspiel zwischen Immunsystem, Nervensystem, Hormonsystem und Herz-Kreislaufsystem vermutet. Wahrscheinlich haben Betroffene auch eine Störung des Energiestoffwechsels und Stofftransportes in den Zellen.

Klinik

Charakteristisch für das chronische Erschöpfungssyndrom ist eine sofortige oder verzögerte, stunden- bis tagelang andauernde Erschöpfung (Fatigue) nach einer nicht im Verhältnis dazu stehenden körperlichen oder geistigen Anstrengung. Dies bezeichnet man als postexertionelle neuroimmune Erschöpfung (Abk. PENE) oder auch als postexertionelle Malaise (Abk. PEM).

Typisch ist außerdem der sog. Brain Fog, der sich durch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, verminderte Aufmerksamkeit und verlangsamtes Denken bemerkbar macht.

Zusätzlich leiden Betroffene an Schmerzen der Muskulatur, der Gelenke und/oder Kopfschmerzen, die nach geringer Belastung oder auch schon in Ruhe auftreten.

Ausruhen und Schlafen bringen keine wesentliche Besserung der Beschwerden. Viele Betroffene beklagen sich zudem trotz ihres erhöhten Ruhebedürfnisses darüber, nur schlecht einschlafen und durchschlafen zu können.

Die Lymphknoten, besonders im Bereich des Halses, sind häufig geschwollen und druckschmerzhaft. Oft geht dies mit einem grippeartigen Gefühl, subfebrilen Temperaturen und Halsschmerzen einher.

Betroffene zeigen häufig eine erhöhte Reizempfindlichkeit, z. B. auf Geräusche, Licht und Berührungen.

Hinzu kommen weitere neurologische Störungen wie Störungen der Augenakkommodation, also der Fähigkeit Gegenstände mit den Augen zu fixieren und scharf zu sehen, sowie Koordinationsstörungen, Muskelzuckungen und Muskelschwäche oder eine Gangunsicherheit.

Viele Patient*innen beklagen Verdauungsstörungen wie beim Reizdarmsyndrom, zunehmende Nahrungsmittelunverträglichkeiten und Allergieneigung, eine erhöhte Infektanfälligkeit oder eine Störung des Harnlassens.

Auch Herz-Kreislaufstörungen wie Schwindel, niedriger Blutdruck, Herzrasen, Herzstolpern und Herzrhythmusstörungen sowie Atemschwierigkeiten wie Kurzatmigkeit oder Hyperventilation, also eine schnelle flache Atmung, können auftreten.

Auffallend ist außerdem eine zunehmende Intoleranz gegenüber starken Schwankungen der Umgebungstemperatur und extremer Wärme oder Kälte.

Nicht alle Beschwerden treten gleichzeitig und von Erkrankungsbeginn an auf.

Verlauf und Schweregrade

Die klassische Erkrankungsform beginnt oft plötzlich mit Grippesymptomen, Hals-, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, druckschmerzhaften Lymphknoten, erhöhter Temperatur und gesteigertem Schlafbedürfnis. Sie ähnelt einem Infekt, von dem sich die Betroffenen über viele Wochen nicht erholen. Die Leistungseinschränkung kann so ausgeprägt sein, dass das Haus nicht verlassen werden kann und sogar weitgehende Bettlägerigkeit besteht. Erst nach Monaten oder Jahren kommt es bei durchschnittlich 40 % der Betroffenen zu einer meist unvollständigen Besserung, wobei häufig nicht zu entscheiden ist, ob diese durch eine bestimmte Behandlung erreicht wurde oder spontan erfolgte. Die Rückfallrate ist hoch, besonders nach Infekten, physischer Belastung und Stressperioden. Seltener beginnt die Erkrankung schleichend und verschlechtert sich über die Zeit, die Chancen auf Erholung sind hier wesentlich niedriger.

Das chronische Erschöpfungssyndrom wird in unterschiedliche Schweregrade eingeteilt. Nach den sog. Internationalen Konsenskriterien (ICC) unterscheidet man

  • mild erkrankt: Das Aktivitätsniveau ist im Vergleich zu vor der Erkrankung um 50 % reduziert.
  • moderat erkrankt: Die Patient*innen sind überwiegend ans Haus gebunden.
  • schwer erkrankt: Die Patient*innen sind überwiegend bettlägerig.
  • sehr schwer erkrankt: Die Patient*innen sind vollständig bettlägerig und unfähig, Hygienemaßnahmen selbstständig durchzuführen.

Komplikationen

Im Verlauf der Erkrankung entwickeln die Betroffenen nicht selten eine reaktive Depression. Diese kann so schwer sein, dass die Patient*innen aufgrund des hohen Leidensdrucks und der schlechten Heilungsaussichten Selbstmord begehen. Auch eine verminderte Abwehrleistung des Immunsystems gegen Infektion, allergische Reaktionen und Medikamentenunverträglichkeiten sowie zunehmende Atemstörungen sind als zum Teil tödlich endende Komplikationen bekannt.

Diagnosesicherung

Die Diagnose eines chronischen Erschöpfungssyndroms ist eine Ausschlussdiagnose, das heißt, alle anderen Krankheiten, die ähnliche Beschwerden hervorrufen können, müssen sicher ausgeschlossen sein. Hierzu zählen beispielsweise Tumorerkrankungen, Infektionskrankheiten, Autoimmunerkrankungen, Herzerkrankungen, hormonelle und psychische Erkrankungen. Die Ärzt*in führt umfangreiche Untersuchungen durch, um diese Erkrankungen auszuschließen, insbesondere Laboruntersuchungen und bildgebende Diagnostik wie Ultraschall und Magnetresonanztomografie. Erst wenn alle infrage kommenden Erkrankungen ausgeschlossen sind, kann die Diagnose gestellt werden, denn typische Labor- oder Untersuchungsbefunde, die ein chronisches Erschöpfungssyndrom sicher belegen würden, gibt es nicht.

Die Ärzt*in stellt dann die Diagnose anhand der sog. Internationalen Konsenskriterien (ICC). Hierfür muss zwingend das Leitsymptom PENE vorhanden sein. Der Erschöpfungszustand muss zur Diagnosestellung aber nicht bereits volle 6 Monate vorliegen. Außerdem müssen mindestens 3 weitere Beschwerden aus jeweils verschiedenen Symptomkategorien nachweisbar sein.

Differenzialdiagnosen

  • Tumorerkrankungen
  • Infektionskrankheiten
  • Autoimmunerkrankungen
  • Herzerkrankungen
  • Hormonelle Störungen
  • Psychische Erkrankungen.

Behandlung

Wissenschaftlich gesicherte Therapieempfehlungen liegen nicht vor. Die behandelnden Ärzt*innen versuchen gemeinsam mit den Betroffenen eine möglichst optimal auf sie abgestimmte Behandlung zu finden. Viele Patient*innen mit Muskel, Gelenk- oder Kopfschmerzen profitieren von Schmerzmitteln. Hierzu werden verschiedene nichtsteroidale Analgetika wie Ibuprofen, Paracetamol oder Naproxen ausprobiert. Bei starken Schmerzen kommen auch Gabapentin oder Pregabalin infrage. Gegen Schlafstörungen können Melatonin, Tryptophan und Doxepin, sowie Zopiclon oder Zolpidem verordnet werden. Einige Patient*innen können ihr Aktivitätsniveau durch stimulierende Psychopharmaka wie Methylphenidat oder Modafinil steigern. Auch Ginseng und Coenzym Q10 können die Aktivität und Konzentration unterstützen. Liponsäure und N-Acetylcystein können gegen Muskelschmerzen und die Fatigue hilfreich sein. Flohsamenschalen können möglicherweise Reizdarmbeschwerden lindern.

Vollkommene Schonung als Strategie gegen die Fatigue ist ungeeignet. Weniger Aktivität verringert die Belastbarkeit durch Abbauvorgänge weiter, sodass ein Teufelskreis entsteht. Physiotherapeutische Behandlungen und ein angepasstes körperliches Training helfen, diesen Teufelskreis zu stoppen. Die Aktivität richtet sich hierbei aber immer nach der persönlichen Situation der Betroffenen. Eine Überlastung muss unbedingt vermieden werden.

Bei einer reaktiven Depression ist die Einnahme von Antidepressiva erforderlich. Vielen Patient*innen hilft dann auch eine Psychotherapie. Sind Betroffene stark auf ihre Beschwerden fixiert und verstärken so den Leidensdruck, ist eine kognitive Verhaltenstherapie wirksam.

Wichtig ist auch ein gutes Krankheitsmanagement. Weil das chronische Erschöpfungssyndrom sehr individuell ist, sind Betroffene meist die besten Expert*innen für den alltäglichen Umgang mit ihrer Erkrankung. Sie wissen am besten, wann sie eher viel und wann besonders wenig Energie haben und wie sie ihren Tagesrhythmus entsprechend anpassen. Sie sollten darauf achten, wie sie ihre Reserven am besten einteilen und Überlastungen vermeiden. Dieses Krankheitsmanagement wird als Coping und Pacing bezeichnet.

Prognose

Spontanheilungen sind selten. Die meisten Betroffenen bleiben ihr Leben lang eingeschränkt. Häufig führt das chronische Erschöpfungssyndrom zur Berufsunfähigkeit, bei schwer Erkrankten auch zur Pflegebedürftigkeit. Aufgrund der schlechten Prognose und des hohen Leidensdrucks liegt die Selbstmordrate bei 20 %.

Ihre Apotheke empfiehlt

Was Sie selbst tun können

Aktiv bleiben. Leichte körperliche Aktivität, die sehr langsam gesteigert wird, aber auf keinen Fall überfordert, baut körperlich und seelisch auf. Die Aktivität richtet sich hierbei nach der persönlichen Situation der Betroffenen. Bei weitestgehend Bettlägerigen kann schon mehrmals tägliches kurzes Sitzen an der Bettkante eine Herausforderung sein. Wenn hierbei das Zimmer frisch gelüftet wurde und vielleicht der Blick aus dem Fenster Ablenkung vom Krankheitsalltag ermöglicht, empfinden viele Betroffene diese kleine Aktivität aber als wohltuend und kräftigend. Für weniger schwer Betroffene eignen sich leichte Gymnastik- und Dehnübungen im Liegen oder Sitzen, später auch Spaziergänge. Es ist immer darauf zu achten, sich nicht zu überfordern und die Aktivität lieber an das tägliche Energieniveau anzupassen als einem starr festgelegten "Trainingsplan" zu folgen. Optimal sind Aktivitäten direkt an der frischen Luft.

Aktivitätstagebuch. Ein Aktivitätstagebuch hilft, Überlastungen zu vermeiden. Hierzu werden Aktivitäten in leicht, mittelschwer und schwer eingeteilt und täglich dokumentiert. So werden starke Aktivitätsschwankungen erkannt und ihnen besser entgegengewirkt.

Nahrungsergänzungsmittel. Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente immer nur nach Rücksprache mit Ihrer Ärzt*in ein. Sie kann vorher eine Bedarfsanalyse durchführen und sie umfassend beraten. Zu beachten ist, dass auch Nahrungsergänzungsmittel überdosiert werden können und dann mehr schaden als nützen. Auch können bestimmte Nahrungsergänzungsmittel bei einer Überversorgung oder Unverträglichkeit die Beschwerden noch verstärken. Fragen Sie Ihre Ärzt*in oder Apotheker*in um Rat.

Weiterführende Informationen

Fatigatio e.V. – Bundesverband ME/CFS

Deutsche Gesellschaft für ME/CFS

MCS-Syndrom

MCS-Syndrom (Multiple Chemical Sensitivity, Multiple Chemikalienunverträglichkeit, vielfache Chemikalienüberempfindlichkeit, idiopathische Umwelt-Unverträglichkeit): Chronisches Krankheitsbild unbekannter Ursache mit vielfältigen Beschwerden, die von den Betroffenen auf schädigende Substanzen wie Lösungsmittel, Abgase, Zigarettenrauch oder Duftstoffe in der Umwelt zurückgeführt werden. Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer. Behandelt wird durch das Meiden der Auslöser und psychotherapeutische Unterstützung. Die Prognose ist ungünstig, die Beschwerden können meist nur gelindert, aber nicht geheilt werden.

Leitbeschwerden

  • Augenbrennen, laufende Nase, Juckreiz
  • Müdigkeit, Erschöpfung, Schwäche
  • Kopf- und Gliederschmerzen
  • Kreislaufbeschwerden, z. B. Schwindel
  • Magen-Darm-Störungen wie Übelkeit
  • Atemnot.

Wann in die Arztpraxis

Sofort bei plötzlich auftretender starker Atemnot oder sehr starken Kopfschmerzen mit Schwindel.

In den nächsten Tagen, wenn die beschriebenen Beschwerden sich nach Meidung des vermuteten Auslösers nicht bessern.

Die Erkrankung

Krankheitsentstehung

Auch wenn das öffentliche Interesse zunimmt und inzwischen einige Studien zum MCS-Syndrom veröffentlicht wurden – gesicherte Erkenntnisse über seine Ursachen gibt es bisher kaum. Tendenziell lassen sich alle Theorien dazu einem oder mehreren der folgenden drei Grundfaktoren zuordnen:

  • Expositionstheorie. Eine erhöhte Belastung mit einem oder mehreren Schadstoffen (Initialexposition), die sich nachfolgend über Jahre zur Überempfindlichkeit gegenüber (vielen) weiteren Substanzen auswächst.
  • Vulnerabilitätstheorie. Eine erhöhte Gefährdung für das MCS, die Forschende vor allem bei vorbestehenden anderen chronischen Erkrankungen vermuten. Dazu zählen eine allergische Disposition, Stress-Überempfindlichkeit, Depressionen, Angststörungen und posttraumatische Belastungsstörungen. Dass Frauen hiervon häufiger betroffen sind als Männer, würde ihre deutlich höhere Erkrankungsrate an MCS gegenüber Männern erklären.
  • Psychosomatische Störung. Viele Mediziner sehen das MCS als Ausdruck einer somatoformen Störung. Diese These wird heute zunehmend hinterfragt, MCS-Selbsthilfeorganisationen etwa interpretieren die häufig zu beobachtenden psychischen Auffälligkeiten von MCS-Betroffenen als Folge der MCS, nicht als Ursache. Unbestritten ist aber, dass es eine ausgeprägte Komorbidität von MCS mit psychosomatischen Belastungen gibt.

Die Betroffenen selbst führen ihre Beschwerden auf unterschiedliche Einflussfaktoren aus der Umwelt zurück, etwa

  • Umweltchemikalien (v. a. leichtflüchtige Substanzen, z. B. in Lösungsmitteln, wie Formaldehyd aus Kunststoffen oder Lacken)
  • Schwermetalle (z. B. Amalgamfüllungen)
  • Zusatzstoffe von Nahrungsmitteln
  • eine Besiedlung des Darms mit Hefepilzen (Candida-Infektion)
  • elektromagnetische Felder.
    • Rund ein Fünftel der Betroffenen gibt mehr als 10 beschwerdeauslösende Stoffe an.

      Diagnosesicherung

      Eine Diagnose im eigentlichen Sinne ist schwierig, weil das Krankheitsbild noch so wenig untersucht ist. Bei den Untersuchungen geht es also auch darum, andere (vielleicht gut behandelbare) Krankheiten auszuschließen, etwa N:4571|Allergien. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, hängt zudem von den Beschwerden des Betroffenen ab.

      Es gibt aber einige Kriterien, die für das Vorliegen eines MCS-Syndroms sprechen (sog. Konsenskriterien):

      • Die Symptome treten durch erneuten Kontakt mit dem Auslöser immer wieder auf.
      • Die Symptome treten schon bei sehr geringen Konzentrationen auf, die für die gleiche Person in der Vergangenheit unproblematisch waren oder für andere Personen kein Problem sind.
      • Die Symptome lassen nach oder enden, wenn der Kontakt zum Auslöser endet.
      • Die Symptome werden von verschiedenen Stoffen verursacht, die nicht chemisch miteinander verwandt sind.
      • An den Beschwerden sind mehrere Organe oder Organsysteme beteiligt, also z. B. Atemapparat und Magen-Darm-Trakt.
      • Die Symptomatik ist chronisch.
      Differenzialdiagnosen

      Erkrankungen, die ähnliche Beschwerden verursachen, sind beispielsweise verschiedene Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Auch das Mastzellaktivierungssyndrom ist möglich, also eine Überaktivität bestimmter Immunzellen, die allergische Reaktionen steuern. Zu den weiteren Differenzialdiagnosen zählen psychosomatische und psychiatrische Erkrankungen.

      Behandlung

      Sind keine behandelbaren anderen Erkrankungen feststellbar, so fußt die Therapie auf drei Säulen:

      • Möglichst konsequentes Ausschalten der schädigenden Umwelteinflüsse (zumindest in der eigenen Wohnung).
      • Unterstützende Psychotherapie für die Bewältigung (Coping) der oft extrem belasteten Lebenssituation der Betroffenen. Infrage kommt zum Beispiel eine Verhaltenstherapie.
      • Eine gute Information über das Krankheitsbild. Eine umfassende Beratung bieten umweltmedizinische Ambulanzen und Gesundheitsämter.

      Die alleinige Einnahme von Psychopharmaka ist unwirksam und wird daher nicht empfohlen.

      Prognose

      Die Prognose der MCS ist ungünstig. Im Verlauf der Erkrankung kommt es meist zu einer Zunahme der Beschwerden. Auch kommen häufig weitere Auslöser hinzu, auf die Betroffene sensibel reagieren.

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      Was Sie selbst tun können

      Isolieren Sie sich nicht. Erhalten Betroffene wenig Verständnis für ihre Beschwerden im Familien- und Freundeskreis, ziehen sie sich meistens zurück. Die soziale Isolation verstärkt aber den Leidensdruck noch weiter. Suchen Sie gezielt den Kontakt zu Menschen, bei denen Sie Verständnis, Rückhalt und Unterstützung finden. Hierbei können auch Selbsthilfegruppen weiterhelfen.

      Hautpflege. Leiden Sie unter Hautbeschwerden wie Juckreiz und Entzündungen kann eine gezielte Basispflege der Haut die Beschwerden lindern und die Hautbarriere unterstützen. Dies stärkt Ihr Schutzschild und fördert Ihr Wohlbefinden.

      Entspannungstechniken. Eine chronische Erkrankung und das oft unvorhersehbare Risiko, den Auslösern Ihrer Erkrankung zu begegnen, führt zu einer andauernden Stressbelastung. Erlernen Sie gezielte Entspannungstechniken, um diese Belastungen besser zu bewältigen. Bewährt hat sich hierbei z. B. die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion (MBSR für "mindfulness-based stress reduktion").

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